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Bettenhausen - früher und heute / 2-Denk ich an Deutschland-3

 
 
 

erstellt von der Gruppe "Bettenhausen früher und heute":


„Denk' ich an Deutschland“
- Teil 3 -



HANNEMANN, GEH DU VORAN ...

UND DIE DDR ...

Sie hat uns auch stark beschäftigt.

Welche Kraft von der friedlichen, in der evangelischen Kirche vorbereiteten Revolution ausging, die sich von der zusammengeballten Staatsmacht nicht einschüchtern ließ, nachdem die über die Botschaften geflüchteten Bürger der DDR die Schwachheit des Regimes bloßgelegt hatten und SED-Funktio­näre unter den Demonstrierenden eigene Parteifreunde wahrgenommen hatten, so daß sie wußten und nach Berlin vermitteln konnten: das war das Volk, das waren keine „Konterrevolutionäre“.

Und das Gesetz jeder Revolution hat sich auch an dieser erfüllt: die tätige, sensible, vorausgehende Minderheit wird abgelöst durch diejenigen, die neue Machtstrukturen aufbauen, die gewonnene, erkämpfte Freiheit ein­engen.

War das die verheerendste Wirkung, die 40 Jahre stalinistische SED gehabt haben? Die Herrschaft des einen Großen Bruders, der alles kontrolliert, ist beendet, aber die Fähigkeit zur Selbstregierung ist damit noch lange nicht erreicht. Es muß erst einmal ein neuer Großer Bruder her: westdeutsches Kapital.

Und derweil wuchert der alte Apparat der Staatssicherheit weiter. Es ist in sein Belieben gestellt, wer von den demokratisch gewählten Politikern „abgeschossen“ wird.

Um sich vorzustellen, wie unsere Landsleute in den vergangenen 40 Jahren haben leben müssen, ist es hilfreich, sich an die Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückzuerinnern, in denen man nur die unverfäng­lichsten, banalsten, unpersönlichsten Äußerungen tun durfte, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, den schlimmsten Repressalien ausgesetzt zu werden. Diese Jahre zu überstehen hat aber auch Kraft gegeben, in schwie­rigen beruflichen Situationen Nerven zu bewahren, achtungsvolle Distanz zu halten zu Arbeitskollegen oder Untergebenen (die heute ja alle Mitarbeiter genannt werden), die im Streß des Arbeitslebens außer sich geraten waren. Und diese eigene Erfahrung aus der Kriegsgefangenschaft läßt den Gedan­ken aufkommen, ob der Staatssicherheit nicht beizukommen ist:

Jeder, der mit ihr in Kontakt war, kann am Beispiel Ibrahim Böhme erkennen, was ihm widerfährt: Da hat ein Stasifuktionär einige Karteikarten, auf denen Hinweise auf Akten stehen. Diese Akten werden überprüft, sie enthalten nichts Belastendes. Da zieht der Stasifuktionär eine weitere Karteikarte hervor, auf der weitere Hinweise auf Akten vermerkt sind. Nur: diese Akten sind nicht auffindbar. Im Klartext: Stasi übt ihre Herrschaft unkontrollierbar weiter aus.

Das muß anders gehen; das könnte doch vielleicht so gehen:

Jeder, der mit dem Stasi zu tun hatte, geht tief in sich, erinnert sich, schreibt auf, was ihn am schwersten belastet, welche seiner Taten oder Unterlassun­gen die schwerste Schuld auf ihn geladen haben. Entscheidet dann selbst, ob er sich aus dem öffentlichen Leben zurückzieht. Oder wendet sich an ein demokratisch legitimiertes Gremium, das zum Beispiel dem Parlamentspräsi­denten zugeordnet sein könnte und holt sich dort eine Entscheidung über Unbedenklichkeit oder Mandatsniederlegung.

Das setzt Fähigkeit zur Trauerarbeit voraus. Das setzt innere Freiheit voraus. Das wäre der friedlichen Revolution, in der es hieß „Wir sind das Volk“, angemessen.

Das wäre dem angemessen, was Bundeskanzler Kohl sagte (wenn auch wahrscheinlich nicht so meinte): die DDR hat hohe kulturelle Werte in die Gemeinschaft der beiden deutschen Staaten einzubringen. Die DDR würde auf diesem Wege eine moralische Qualität in die Gemeinsamkeit einbringen, die das unsägliche Übergewicht des rein Materiell-Wirtschaftlichen stark mindern würde. Die Bewältigung des eigenen Großen Bruders würde das Rückgrat zum Widerstehen gegenüber dem neuen Großen Bruder stärken, der ja im Wahlkampf vor dem 18. März 1990 Hoffnungen geweckt hat, die gerade dabei sind, als Täuschung erkannt zu werden. Die Wählerinnen und Wähler ent­täuschen sich und erkennen ihren wahren Wert.

Und wir Westdeutschen sollten uns gar nicht erst täuschen lassen, denn ohne höhere Steuern und Abgaben wird die wirtschaftliche, soziale und währungspolitische Angleichung nicht zu machen sein. Sonst findet die Einheit auf dem Boden der Bundesrepublik statt. Und wie teuer das zu stehen käme ....

Dem Herrn Bundeskanzler kann nicht verziehen werden, daß er glaubt, er hätte es bei den Wählerinnen und Wählern in der Bundesrepublik mit unmündigen Wesen zu tun, denen man die Wahrheit nicht zumuten kann.

Der Bildungs- und Ausbildungsstand der Bürgerinnen und Bürger ist so hoch, daß sie sich ein eigenes Bild von der Wirklichkeit machen können.
Sie wissen, daß eine kleine Partei wie die Grünen in der Bundesrepublik unumgänglich war, um Bewegung in festgefahrene Zusammenhänge zu bringen.

Die großen Parteien haben wortreich grüne Positionen übernommen, aber an Taten mangelt es nach wie vor. Sie werden sich bequemen müssen, die Meinung der Bürgerinnen und Bürger stärker als bisher in die Politik einzu­beziehen.

Zum Beispiel: Warum werden Jahr für Jahr über 50 Milliarden für die Ver­waltung von Arbeitslosigkeit ausgegeben, anstatt Beschäftigungsanreize zu schaffen in all den Mangelbereichen von Kankenhauspflegepersonal bis hin zu Kindertagesstätten und Altenpflege?

Und warum werden steigende Beträge zur Bekämpfung des Drogenmiß­­brauchs und der damit verbundenen Kriminalität ausgegeben anstatt für die Erforschung der sozialen Ursachen und die Vorbeugung?

Warum wird nicht endlich der Zusammenhang zwischen steigendem Umsatz der Großchemie im Beruhigungs- und Aufputschmittelbereich und dem Dro­genproblem benannt, und warum werden keine Folgerungen daraus ge­zogen?

Ein weitsichtiger, für soziale Zusammenhänge aufgeschlossener Unter­nehmer, der kürzlich verstorbene Veba-Chef Rudolf Bennigsen-Foerder, hat öffentlich festgestellt, daß eine atomare Wiederaufbereitungsanlage auf Dauer nicht gegen eine „substantielle Minderheit“ durchgesetzt werden kann.

Diejenigen in Wirtschaft, Politik und Medien, die glauben, daß einfach so weitergemacht werden kann wie bisher, sollten zur Kenntnis nehmen, daß Minderheiten, die aus Sorge um das Weiterleben der Menschheit zusam­menkommen und sich Gedanken machen über Alternativen, Gehör verdient haben.

Allein schon, daß sie aus der Vereinzelung heraustreten und sich im Ge­spräch miteinander freimachen von Ängsten, die jede Vereinzelung mit sich bringt, ist ein lebensrettender Wert.

Und deshalb klang unsere Gesprächsrunde zum Thema „Denken wir an Deutschland...“ ganz selbstverständlich aus mit Gedanken zu dem Liebes­gebot, das bei näherer Betrachtung in jeder Religion zu finden ist, das aber vom Christentum in der überzeugendsten Weise den Menschen nahege­bracht wird.

Den Nächsten wie sich selbst zu lieben, wird weithin als eine Überforderung wenn nicht gar Zumutung empfunden.

Jeder ist sich selbst der Nächste, wird dem christlichen Liebesgebot brutal entgegengehalten. 

Besteht der Gegensatz eigentlich? Ist es nicht eher so, daß man, um den Nächsten zu mögen, schätzen, achten, lieben, erst einmal sich selbst hat wertschätzen lernen müssen?
Wir selbst erst einmal unseren Selbstwert haben aufbauen müssen, anstatt ihn uns von anderen vorgeben zu lassen?
 


Dieser Beitrag wurde in der Gruppe in Zusammenarbeit mit Herrn Heinrich Triebstein erstellt und im März 1990 an den Bertelsmann-Verlag, Gütersloh, übermittelt für das authentische Zeitdokument „Das Buch der Deutschen, Ost und West“ zum Thema „Denken wir an Deutschland . . .“

 

 

 

Unser Gesprächskreis trifft sich mittwochs um 10.00 Uhr in der Agathofstraße 48, Kassel.

Marianne Bednorz, Hildegard Beier, Erika Borchert, Willi Hofmeister, Horst Knoke, August Leinweber, Walter Schiller, Wilgard Schiller, Erna Schweitzer, Frieda Seeberger


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