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Bettenhausen - früher und heute / 9- Leben an der Losse

 
 
 

Leben an der Losse



Sommerspiele

 


August Leinweber

 

Die Losse war ein idealer Spielplatz für die Bettenhäuser Kinder. Im Sommer wie auch im Winter. Durch das Wehr und die Schleuse am Dorfplatz war die Losse für unsere, aus Brettern und Bohlen zusammen genagelten Flöße schiffbar. Es gibt wohl keinen Bettenhäuser Jungen, der nicht mindestens einmal ungewollt in die Losse gefallen wäre.

  

Elisabeth Richter geb. Wills

 

Meine kleine Geschichte ereignete sich im Sommer 1946. Ich war damals 9 Jahre alt. Der schreckliche Krieg war zu Ende und das Leben begann ganz langsam sich wieder zu normalisieren. Spielzeug besaß ich kaum, nur an eine nackte Puppe kann ich mich erinnern. Die Losse, die sich durch ganz Bettenhausen schlängelt, zog uns Schulkinder zum Spielen und Rumtollen an. Man fand dort meistens jemand, mit dem man spielen konnte.

Einmal ging ich auf einem kleinen Trampelpfad in Richtung Leipziger Straße, als mir eine Pflanze mit riesengroßen Blättern auffiel und ich dachte an den Rhabarber in unserem Garten. Ich konnte es mir nicht verkneifen, eines dieser riesigen Blätter mit langem Stängel abzubrechen und als Regenschirm zu benutzen. Es regnete nämlich schon zwei Tage lang ziemlich heftig und das Wetter wurde immer schlechter.

 

Wolfgang Beyer

 

Ich wurde im Oktober 1946 in Kassel Bettenhausen Biegenweg 24 geboren. Die Losse floss direkt an unserer Straße vorbei. Ich habe einen Großteil meiner Kindheit und Jugendzeit an, in und auf der Losse verbracht.  An einige Dinge kann ich mich noch gut erinnern.

Da war zum Beispiel die mächtige Weide gegenüber von meinem Elternhaus. Es war für mich eine Herausforderung, diesen alten Baum zu erklettern und auf einem starken Ast, der mitten über der Losse hing, Kapitän zu spielen.

Im Sommer haben meine Freunde und ich einen Damm gebaut, um das Wasser der Losse zu stauen. Dazu nahmen wir Steine aus dem Bach und Grashutzeln vom Ufer. Nachdem wir das Wasser 50 bis 60 Zentimeter hoch gestaut hatten, konnten wir mehr oder weniger darin krabbeln. Wir nannten das damals schwimmen. 

 

Willi Bäcker

 

An der Losse, kurz hinter der Autobahnbrücke Lindenberg/Papierfabrik bauten wir uns als Kinder einen Damm. Das so gestaut Wasser ging uns bis an den Bauch. Das war unser Schwimmbad. Schwimmen konnte noch keiner. Weiter unten an der Losse, kurz vor der Brücke bei Kadruf, damals Stiftstraße, heute Dormannweg wohnten wir während meiner Kinderzeit bis 1935.  Dort bin ich laut Aussage meiner Eltern zum ersten Mal Hand in Hand und nackt, wie der liebe Gott uns schuf mit meiner ersten Frau durch die Losse gelaufen. Wir waren damals vier Jahre alt.

 

Walter Schiller

 

Im Herbst 1930 hatten wir Schulwandertag. Wir Quintaner hatten mit unserem Klassenlehrer, der in der Hafenstraße wohnte, verabredet, auf den Fuldawiesen zwischen Hafen und Lossemündung Fußball zu spielen. Uns machte es viel Spaß, aber dem Lehrer wurde es nach einiger Zeit langweilig und er setzte sich ab. Wir erkundeten nun das Gelände in Richtung Losse-E-Werk, das hoch und groß in der Wiese vor Salzmannshausen stand. Dabei stellten wir fest, dass die Losse in das Werk hinein floss und auf der anderen Seite, wo sie wieder herauskam, prächtig warm war. Das war doch eine Einladung zum Baden. Und das taten auch einige von uns. Es war so richtig toll. Als wir dann aus dem Wasser kamen und keine Handtücher zum Abtrocknen hatten, war das weniger schön.

 

Eberhard Heinemann

 

Badespaß anno 1935. In Kassel badete man in der Fulda. Meistens im städtischen Flussbad am Auedamm. In dieser Zeit entstanden auch zwei Freibäder, jenes in Harleshausen und jenes in Wilhelmshöhe. Doch auch dort bestimmte das Wetter die Wassertemperatur. Erst nach dem Krieg sorgten entsprechende Heizungen für warmes Badewasser. Und doch gab es vor siebzig Jahren schon einen solchen Luxus. Es war jener Teil der Losse, in der das aufgewärmte Kühlwasser des nahen Kraftwerks floss. Hier tummelten sich die Bettenhäuser Kinder. Es war so etwas wie ein Geheimtipp. Weil unser Vater viele Jahre in diesem Stadtteil zu Hause war, wusste er Bescheid. Also gingen wir mit ihm zu Fuß von unserer Wohnung in der Innenstadt bis zum Lossekraftwerk. Irgendwo dort war dann die begehrte Badestelle. Ein kaskadenförmiger Ausfluss, viele Kinder und viel Geschrei. War das ein Spaß, das herrlich warme Wasser, das Herunterrutschen auf den Stufen des Abflusses und hinein in den betonierten Kanal

 

Heinrich Brückmann

 

Unsere Tochter Birgit wurde im Jahr 1960 geboren. Wir wohnten in der Pfarrstraße gegenüber der Lossebrücke. Birgit entdeckte, dass unter der Brücke die Uferböschung betoniert war und fuhr bei schönem Wetter auf dieser Fläche mit ihrem Roller auf und ab.

Eines Tages kam sie pudelnass nach Hause. Sie war mitsamt ihrem Roller in die Losse gefallen. Schließlich gestand sie noch, dass ihr Roller von der Strömung weggerissen worden war. Nachdem sie von der Mutter trockene Kleidung erhalten hatte, machten wir uns alle auf die Suche nach dem Roller. Leider vergebens. Vierzehn Tage später entdeckten wir ihn an der Schleuse am Dorfplatz. Er war dort angespült worden. Wir haben ihn aus dem Wasser gefischt, er war jedoch nicht mehr zu gebrauchen.

 

Wilgard Schiller

 

Der Dorfteich bei Eibeltshof am Dorfplatz war auch in den 1950er Jahren ein beliebter Spielplatz. Hier staute sich die Losse mit dem Mühlgraben vor den Rosten des abzweigenden Werksarmes der „Neuen Losse“, der an 1905 unterirdisch zur Miramstraße geführt wurde. Alle möglichen Dinge, Teile von Bäumen und Büschen, Eimer, Spielzeuge die der Fluss mit sich geführt hatte, lagerten sich hier ab. Dazwischen gründelten Enten. Dieser Platz war für die Kinder sehr interessant, gab es doch immer etwas zu entdecken.

 

Willi Bäcker

 

Es passierte 1936. Ich war 6 Jahre alt. Doch immer, wenn ich an an dieser Stelle der Losse vorbeikomme, muss ich daran denken. Ich war mit meinem Freund Karl auf dem Heimweg von der Schule. Auf Höhe des Drahtmühlenwegs verabschiedeten wir uns voneinander. Karl ging und ich hängte mich an einen Baum auf dem Grundstück der ehemaligen Mühle Möller um zu schaukeln. Plötzlich brach der Ast und ich fiel mitsamt meinem Ranzen in die Losse.

Im letzten Moment konnte ich mich an einem Strauch festhalten und herausziehen. Einen Meter weiter und ich wäre in einer Röhre verschwunden, die erst nach 200 Metern wieder ans Tageslicht kommt. Ich musste noch bis zum Lindenberg gehen. Unterwegs trockneten meine Sachen. Zuhause hat niemand etwas bemerkt, da meine Mutter an der Arbeit war.

 


Winterspiele

 


Richard Vicum

 

Es war ein bitterkalter Winter im Jahr 1963. Über mehrere Wochen anhaltender Frost mit Temperaturen bis zu minus 15 Grad. Die Losse fror vollständig zu. Auch wenn an einzelnen Stellen die Eisdecke sehr dünn war, konnte sie von uns Kindern ziemlich gefahrlos betreten werden. Als dann das Frühjahr nahte und Tauwetter einsetzte, setzten sich die dicken Eisschollen langsam in Bewegung. Es kam zu Eisstauungen, vor allem vor den Brücken am Dormannweg, an der Pfarrstraße und der Osterholzstraße. Zuletzt kam es zu einem gewaltigen Stau am Wehr am Dorfplatz. Hier trat das nachlaufende Wasser über die Ufer und die Losse floss die Dorfstraße in Richtung Miramstraße hinunter, wo etliche Keller voll liefen.

Man musste dann, um Herr über das Ganze zu werden, die Eisbarrieren am Dorfplatz sprengen, damit das aufgestaute Wasser abfließen konnte.

 

Hildegard Beier

 

Die Losse als Spielplatz in den 1920er Jahren.

Wir wohnten dicht an der Losse, nicht weit von der Schule. Für uns Kinder gab es dort viele Spielmöglichkeiten. Selbst unsere Mutter spielte manchmal mit und glietete auf der zugefrorenen Losse in Holzpantinen.

Als sich einmal mehrere Kinder auf dem Eis der Losse vergnügten, brach eine Eisscholle ab, auf der mein kleiner Bruder nun ganz alleine stand. Jemand reichte mir eine Stange, an der ich mich festhielt und über das immer breiter trennende Wasser zu ihm auf die Eisscholle sprang. Unter Zuhilfenahme der Stange konnte ich uns schließlich glücklich ans rettende Ufer bringen.  

 

Richard Vicum

 

Es muss schon ein sehr kalter Winter gewesen sein im Jahr 1963. Jedenfalls hatte die Losse eine feste Eisdecke, so weit man sehen konnte. Eines Tages öffnete man die Schleusentore am Dorfplatz und das ganze Wasser unter dem Eis floss ab. Das Eis blieb jedoch stehen. Da kamen mein Freund und ich auf die Idee, im Bachbett unter dem Eis, das nun einem Dach glich, durchzugehen. Wir waren uns bewusst darüber, dass dies nicht ohne nasse Füße möglich sein würde. Trotzdem stiegen wir am Dorfplatz ins sehr kühle Nass. Unterwegs gab es immer wieder Lücken im Eis über uns. An anderen Stellen mussten wir unter dem Eis hindurch kriechen. Unsere Wanderung endete kurz hinter der Brücke über den Dormannweg in Sichtweite der Fa. Kadruf.

 

Wolfgang Beyer

 

Im Winter war die Losse öfter zugefroren. Dann konnten wir Kinder Eishockey darauf spielen. Wir nahmen dazu ausgediente Spazierstöcke und einen Tennisball. Einmal benutzte ich die Eisfläche als Heimweg von der Schule. In Höhe der Osterholzstraße betrat ich die zugefrorene Losse In Höhe der Pfarrstraße zerbrach jedoch das Eis und ich versank bis zum Nabel im Wasser. Gott sei Dank  konnte ich mich zum Ufer retten. Nass, wie ich war, setzte ich den Heimweg auf der Straße fort. Als ich nach 20 Minuten zu Hause ankam, war der untere Teil meiner Kleidung stocksteif gefroren. Meine Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen, zog mich sofort aus und machte mir ein heißes Fußbad. Dann rippelte sie mich gut trocken. Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich keine Erkältung bekommen.

 


Hochwasser

 


Wilgard Schiller

 

Die Geschichte Bettenhausens hat das Hochwasser von 1891 in besonderer Erinnerung. Der Schreinermeister Jakob Zuschlag hatte durch die Errettung eines Kindes aus der Flut auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin, anstelle einer Rettungsmedaille eine Schankerlaubnis erhalten. Er eröffnete daraufhin zwischen dem Hauptstrom der Losse und dem Mühlgraben eine Gaststätte mit Namen „Insel Helgoland“. Diese wurde sehr beliebt bei Bettenhausens Vereinen und der Bürgerschaft und war auch später noch ein Name für gepflegte Gastlichkeit.

 

Wolfgang Beyer

 

Hochwasser war auch ein Thema in meiner Jugendzeit. Das Wasser der Losse stieg manchmal so hoch, dass zwischen Wasseroberfläche und Brückenunterseite gerade noch eine Hand breit Platz  war. Unsere Nachbarn und auch meine Eltern hatten große Angst, dass unsere Keller voll Wasser laufen könnten.

  

Elisabeth Richter

 

Eines Tages im Jahr 1946 war ich mit meiner Cousine auf dem Weg von der Schule nach Hause. Nahe der Firma Kadruf im Dormannweg fiel uns auf, dass die Losse um mindestens einen Meter gestiegen war. Das Wasser floss besonders schnell und war schmutzigbraun. Es schwammen auch Treibholz, Dosen und allerlei Unrat darauf. Wir brachen von einem Weidenbusch Zweige ab, um uns eine besonders schöne Flasche, die im Gestrüpp fest hing, zu angeln. Plötzlich sahen wir im Wasser ein buntes Päckchen Stoffmuster treiben, das schließlich im Gestrüpp hängen blieb. Ich legte mich auf den Bauch, schob den Oberkörper über den Uferrand, während meine Cousine mich an beiden Beinen festhielt. Endlich hielt ich ein triefendes Päckchen farbiger Stoffteile in der Hand. Es waren Stoffdruckproben der Fa. Kadruf. Wir trugen unseren Schatz nach Hause. Dort wurden die Stoffe getrocknet, gebügelt und anschließend nähte Mutti Puppenkleider daraus. So bekam meine nackte Puppe endlich neue Kleider.

 

Uschi Knoke

 

Es war im Jahr 1958. Wir wohnten am Dorfplatz in einem alten Bauernhaus. Eine Steintreppe führte in das Haus, unter Steintreppe ging es hinab in den Keller. Es war ein schönes Wohnen. Man hörte die Losse rauschen und die Glocken der nahen Kirche läuten. Hundert Schritte entfernt war die Gaststätte „Insel Helgoland“ und wir waren dort zu einer Silberhochzeitsfeier eingeladen. Die Feier war wunderschön, nur das Wetter spielte nicht mit. Der Wirt August Leinweber war aufgeregt und lief ständig raus und rein. Als ich ihn fragte, was denn los sei, antwortete er: „Wir haben Hochwasser! Ich muss schnell alles aus dem Keller holen“. Hochwasser! Ich ging erschrocken in den Saal zurück und rief der feiernden Gesellschaft zu:

„Wir haben Hochwasser!“ Sofort rannten alle zum Dorfplatz. Tatsächlich, das Wasser stand auf dem Dorfplatz, doch es hatte vor unserem Keller Halt gemacht. Glück gehabt! Den Dorfplatz als See mit schwimmenden Enten darauf, das hat man, so glaube ich, später nie wieder erlebt.

  


August Leinweber

 

Wissen sie übrigens, wie die Losse zu ihrem Namen kam?

Die Losse enspringt oberhalb von Hessisch Lichtenau und mündet am Kasseler Hafen in die Fulda. Es war vor sehr langer Zeit. Der bisher namenlose Bach sollte nun endlich einen Namen erhalten. Die Bürgermeister der daran angrenzenden Dörfer setzten sich zusammen und grübelten nach einem Namen.

Als alle bisherigen Vorschläge abgelehnt worden waren, stand der Bürgermeister von Bettenhausen auf und verkündete: „Das nächste Wort, das jetzt einer spricht, so soll sie heißen“. Wieder rauchten die Köpfe. Endlich sprang einer auf und schrie: „Losse heißen wie se will!“

Seit dieser Zeit fließt die „Losse“ von Hessisch Lichtenau nach Kassel.

 


Arbeit und Freizeit

 


Wilgard Schiller

 

Ich erinnere mich heute noch gern an die Zeit Anfang der 20er Jahre, wenn es hieß: „morgen gehen wir auf die Bleiche“. Weiße Wäsche ist der stolz jeder Hausfrau. Darum wurden die Wäschestücke zum Bleichen auf einer Wiese ausgebreitet und immer wieder begossen. Die Sonnenkraft sollte so der Wäsche zu einem makellosen Weiß verhelfen. Familie Kugler hatte eine Wiese direkt an der Losse unterhalb des Großen Eichwalds, wie dieser Teil des Waldes in unserer Kindheit genannt wurde. Heute verläuft dort die Abfahrt der Autobahn A7. Zu Hause in der Jacobsgasse wurde der Wäschekorb auf einen Handwagen gepackt und Hektor, die große Dogge, zog das Gefährt bis zur Wiese. Wir Kinder liefen mit, unsere kleinen Gießkannen in der Hand, denn wir wollten ja unseren Müttern fleißig beim Gießen helfen. An der Wiese angekommen, wurden die Wäschestücke ausgelegt und sofort begossen. Das Gießwasser lieferte die hier ruhig und klar durch die Wiesen fließende Losse. Das Wasser reichte uns kaum bis an die Knie. Man konnte bis zu den Steinen am Grund sehen.  

  

Eberhard Heinemann

 

1924 wurde ich in Salzmannshausen geboren. Als ich drei Jahre alt war, zogen wir in die Innenstadt. In unserem Haus wohnten viele reiche Leute und man fand nicht zueinander. Nur wir Kinder spielten zusammen. Auf diese Weise hatte ich Zugang zu deren Wohnungen. Und so sah es darin aus: Der Fußboden, ausgefüllt mit Teppichen, dick gepolsterte Ledersessel und Sofas, schweres Eichenmobiliar, aufwendige Gardinendekorationen, an der Decke ein funkelnder Kronleuchter und nicht zu übersehende, großformatige Ölbilder mit verschnörkelten Goldrahmen. Mich beeindruckte dieser luxuriöse Reichtum. So etwas kannte ich nicht aus unserer Wohnung und schon gar nicht aus der unserer ehemaligen Nachbarn in Salzmannshausen. Die lebten in einer rußgeschwärzten Wohnküche mit einem Herd, der Sommer wie Winter unter Feuer stand. Auf ihm wurde alles gekocht: Das Essen, das Kaffeewasser und manchmal in einer emaillierten Schüssel die Wäsche. In einer Ecke hatte der Hausherr, der mit Schumacherarbeiten seine Rente aufbesserte, seinen Stammplatz. Hier saß er an einem lädierten Arbeitstisch, auf dem Hammer, Zange, Dreifuß und die Schuhe seiner Kunden lagen. Ich kannte ihn nur Zigarre rauchend inmitten eines Schwarms von Fliegen, die das ganze Zimmer bevölkerten. Im Sommer war wegen des heißen Ofens, stets die Balkontüre geöffnet. Man hörte die Ziege meckern, die im darunter liegenden Keller ihren Stall hatte. Gretchen, so hieß sie, hinterließ nicht nur ihren persönlichen Duft, sondern sorgte auch dafür, dass der Fliegennachschub kein Ende nahm.

 

August Leinweber

 

Die Losse, die heute so gemächlich dahin plätschert, musste in früherer Zeit Schwerstarbeit leisten. Sie speiste die Fischteiche unterhalb des Lindenbergs und an der Königinhofstraße, sie trieb viele Mühlräder an, schluckte die Abwässer der Industrie und wechselte oft ihre Farbe. Je nachdem, welche Farbe die Kasseler Druckerei und Färberei, Kadruf  gerade abgelassen hatte.

 

Knut Reiner Grimm

 

Als meine Familie 1948 in die Leipziger Straße zog, führte mein Schulweg an der Losse entlang. Die führte damals sehr viel mehr Wasser als heute und glich mehr einer Kloake, als einem Bach. Alles Mögliche an Unrat wurde von der Strömung mitgerissen und setzte sich am Ufer ab. Dazu kamen noch die stinkenden Abwässer der Industriebetriebe.

 

Uschi Knoke

 

1946 ging ich mit meinem Mann an der Losse spazieren. Als wir in den Schwarzen Weg kamen, stank es nach faulen Eiern. Dort mündeten zwei große Rohre in die Losse. Daraus floss eine gelbe, ekelhafte Brühe. Später erfuhren wir, dass es das Abwasser der „Spinnfasser“ war. Als wir gerade weiter gehen wollten, sahen wir, wie aus den Rohren Wolle herauskam und sich im Gestrüpp verfing. Trotz des Gestanks kletterten wir die Böschung runter und zogen die Wolle aus dem Wasser. Später haben wir sie gewaschen, entkutzelt, getrocknet und zu einem Knäuel gewickelt. Von dieser Wolle habe ich später für meinen Neffen eine Babygarnitur gestrickt.

 


Gastronomie

 


Wilgard Schiller

 

Lambrechtsche alleinige Schank- und Herbergierungsgerechtigkeit

Lamprechts Hof, der größte Gutshof in Bettenhausen besaß seit 1689 die alleinige Schank- und Herbergierungsgerechtigkeit.
Mit der Belebung der heimischen Wirtschaft durch Manufakturen, belebte sich auch der Verkehr durch die Straßen von Bettenhausen. An seinem Südrand zog sich die Poststraße nach Leipzig und nach Berlin. Nördlich davon die nach Hannover. Ein Verzeichnis der Kasseler Postkurse vom Jahre 1735 zeigt, dass der regelmäßige Postdienst auf diesen Straßen sehr lebhaft war, ganz abgesehen von den Frachtfahrten, die für Bettenhausen ein besonderes Interesse gewannen im Hinblick auf die Schank- und Herbergierungsrechte.

Der älteste, über „Schank- und Herbergierungsgerechtigkeit zu Bettenhausen“ vorliegende Erbleihebrief datiert vom 4. November 1689. Wer außer dem Inhaber des Erbleihebriefes einen Ausschank haben wollte, konnte das nur durch einen Untervertrag mit jenem erreichen.

Hier denken wir an die wiederholten Versuche des Schreinermeisters Jakob Zuschlag, eine Schankgenehmigung zu erhalten. Als er 1891 unter Einsatz seines Lebens ein Kind aus der Hochwasser führenden Losse gerettet hatte und dafür ausgezeichnet werden sollte, verzichtete er auf die Rettungsmedaille und erbat sich dafür die Konzession für eine Gastwirtschaft, die er dann “Insel Helgoland“ nannte. Seine Tochter Lina heiratete später Albert Leinweber und führte mit ihm die Gaststätte weiter. Bei dem Feuersturm in der Kasseler Altstadt am 22. Oktober 1943 fanden sie ein tragisches Ende. Auch die „Insel Helgoland“ wurde vollständig zerstört.  

 

August Leinweber (Sohn von Lina und Albert)

 

Als in den 1890er Jahren der Fußball von England herüber kam,  wurde 1894 der 1. Casseler Ballspielclub „BC Sport in der Gaststätte „Insel Helgoland“ aus der Taufe gehoben und ein Jahr später der „Sportverein Kurhessen“, der spätere KSV gegründet.

Einen Sportplatz gab es damals noch nicht. Gespielt wurde auf dem Forst, damals ein militärisches Übungsgelände zwischen Bettenhausen und Waldau. Die Spieler mussten ihre Torlatten und Eckfahnen dorthin schleppen und nach dem Spiel wieder abbauen und zur „Insel“ zurückbringen. Ob Sieg oder Niederlage, anschließend wurde gefeiert. Mit nem Mußtenwecke für 15 Pfennig oder ner Portion Schmandhering mit Pellmännern, oder Sulperknochen mit suren Kohl und Salzkartuffeln für 60 Pfennige wurde sich dann gestärkt. 
 

August Leinweber

 

„Der alte Brauch wird nicht gebrochen - Familien können Kaffee kochen“

Wo dies geschrieben stand, wurde mitgebrachter Kaffee aufgebrüht und für die leeren Tassen, Milch und Zucker ein paar Pfennige berechnet. Am Abend wurden mitgebrachte Stullen verzehrt. Der Wirt lieferte dazu Messer Brettchen und die Menage. Als besondere Attraktion hatte der „Inselwirt“ einen Kahn angeschafft, mit dem man für 10 Pfennige auf der Losse fahren konnte. Hiervon machten die Gäste regen Gebrauch.

 


Liebe – Der Kreis schließt sich

 


Uschi Knoke

 

An einem schönen Sommerabend im Jahr 1946 gingen wir spazieren. Der Weg führte uns an der Losse entlang. Es war dunkel, denn es brannten noch keine Straßenlaternen. Die Sterne leuchteten aber vom Himmel und die Losse rauschte. Wir gingen über die Miramstraße in den Schwarzen Weg. Mein Mann erklärte mir den Sternenhimmel. Ich war beeindruckt. Es war so friedlich, die Stille - und wir ganz allein. Da geschah es: Mein Mann hat mich zum ersten Mal geküsst und es war wunderschön.

Den Weg gibt es heute noch, doch das Umfeld ist bebaut. Romantischen Pfade sind nicht mehr so einfach zu finden.