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Erinnerungen Raum geben / Erinnerung als Kultur

 
 
   

Vortrag von Dr. Eva-Maria Schulz-Jander anlässlich der Projektauswertung im Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin am 21. Juni 2005


Die Kultur der Erinnerung – Erinnerung als Kultur

 

 

Die Erinnerung ist das einzige Paradies,

aus dem wir nicht vertrieben werden können.

(Jean Paul, „Die unsichtbare Loge“)


Erinnerung hat Hochkonjunktur im Jahr 2005. 60 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht erinnert sich Europa an den 08. Mai 1945 und an alles, was zu diesem Tag führte.


Einzelne Menschen erinnern sich, die Nationen erinnern sich. Liest man die Zeitungen, verfolgt die Fernsehsendungen und Filme so fällt auf, dass persönliche Erinnerungen und öffentliche Erinnerungsrituale in der Interpretation des Erinnerten auseinanderklaffen. Die einzelnen Menschen in Deutschland erinnern sich an Flucht und Vertreibung, Hunger und zerbombte Städte, die offiziellen Feiern erinnern an das Leid und die Zerstörung, die von Deutschland aus Europa überzogen; sie erinnern an die Auslöschung des europäischen Judentums. Am 10. Mai wurde hier in Berlin das Zentrale Mahnmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht.  Zum ersten Mal in der Geschichte erinnert sich eine Nation an die eigenen Verbrechen und ihre Opfer und baut ihnen einen Erinnerungs-Ort.  Mahnmal statt Denkmal. Das öffentliche, politische Gedächtnis – ein moralisch mahnendes, das private, persönliche – ein emotionales von erfahrenem Leid und gelebter  Freude geprägtes.


Schaut man dann über die eigenen nationalen Grenzen hinweg, dann sieht man sehr schnell, dass es europaweit keine einheitliche Deutung dieses, inzwischen symbolischen Datums, 08. Mai, gibt.  Zu unterschiedlich waren die persönlichen und nationalen Erfahrungen. War es Sieg, Niederlage oder Befreiung?  Wer könnte das so ohne weiteres sagen?  Bedeutet das aber, dass wir keine europäische Erinnerung haben können, weil die Erlebnisse der Menschen zu gegensätzlich, die Geschichte der Nationen zu  ungleich ist? Nein, es bedeutet nur, dass wir keine einheitliche Deutung eines Symbols haben können. Die Erinnerungen bleiben, sind lebendig; sie weben den vielfarbigen Erinnerungsteppich Europas; sie sind der Boden auf dem das kulturelle und historische Gedächtnis wachsen.


Und was meinen wir mit Gedächtnis? Das Wort hat unterschiedliche Bedeutungen, wir benutzen es passiv und aktiv. Passiv verstanden ist es ein Ort  für Erlebtes, Gelerntes, und Erfahrenes, - ein Speicher eben;  aktiv verstanden ist es ein geistiger Akt der den Speicherinhalt reproduziert, zuweilen verändert und interpretiert. Stellen wir uns mal einen Speicher vor, ganz oben unterm Dach, und da lagern sie, die Erinnerungen: die Worte, Gegenstände, Töne, Gerüche, Geschmäcker und Gefühle, wild durcheinander lagern sie dort und warten darauf herausgeholt oder bemerkt zu werden.  Wir wählen aus. Nicht alles, was der Speicher Gedächtnis enthält wird ausgewählt.

Und dann gibt es da noch etwas, den großen dunklen Speicher – Vergessen, dessen Türen verschlossen sind, und die nur der Zufall öffnen kann. Stets trägt Erinnerung ihre dunkle Kehrseite in sich – das Vergessen. Vor den Kisten stehend betrachten wir gestaltete Erinnerung und sehen gleichzeitig das Abwesende, das Leere nicht Gestaltete, das, was das Vergessen verwaltet.


Die Ausstellung: „Making Memories Matter“ oder „Erinnerungen Raum geben“ hat Menschen in sieben europäischen Ländern die Chance gegeben, in ihrem inneren Speicher, dem Gedächtnis, aber auch auf dem Boden, in den Koffern und Kisten zu kramen und Zeichen ihrer eigenen Vergangenheit zu suchen und auszuwählen, um Erinnerung eine Gestalt zu geben. Sie webten gemeinsam, ohne sich zu kennen, an einem persönlichen europäischen Erinnerungsteppich, jenseits aller offiziellen Deutungsmuster. Es entstand weder Denkmal noch Mahnmal, kein statisches Gebilde, sondern etwas Fluides, die Grenzen  Verrückendes.


Dank der europäischen Kommission und der Robert Bosch Stiftung konnte dieses europäische Erinnerungsprojekt Wirklichkeit werden. Aber Geld allein reicht nicht aus, ein solches Projekt braucht Menschen, die daran glauben. Menschen wie Angelika Trilling und Pam Schweitzer, die beide zäh, hartnäckig und unbeirrbar ihrem Traum, ihrer Vision folgten und diese Ausstellung gegen alle widrigen Umstände Wirklichkeit werden ließen. Ihnen gebührt unser aller Dank.  Sie haben europäischen Erinnerungen Raum gegeben, haben sie erfahrbar werden lassen.
 

In England, Finnland, Polen, Rumänien, der Tschechischen Republik, und Spanien entwarfen über hundert ältere Menschen Erinnerungslandschaften. Sie bauten „Erinnerungskisten“ aus den unterschiedlichsten Materialien, Gegenständen und Requisiten und ordneten sie unter künstlerischer Anleitung und Beratung in ausrangierten Munitionskisten der jeweiligen nationalen Armeen.
 

Im März 2005 kamen dann alle bis auf die rumänischen Kisten, die an den Zollbestimmungen scheiterten, nach Kassel, wo ich sie eine Woche lang besuchen konnte; von dort gingen sie auf die Reise nach Poznan, Prag, Cluj, Kotka London, Barcelona und jetzt sind sie in Berlin angekommen.

Es war Samstag, der 21 März, als die 60 „Reisebühnen“ – Erinnerungskisten in Kassel dem Publikum vorgestellt wurden. Der Raum war gut gewählt, eine offener Bau der 50-er Jahre, große Fenster, die die Landschaft –  Berge und Wälder, und die Stadt – Theater und Museen mit hineinholten in den Ausstellungsraum. Das zentrale geschwungene, luftige Treppenhaus, schnürte wie ein Faden, über drei Stockwerke hinweg, die Kisten zu einer europäischen Erinnerungslandschaft zusammen. Das europäische und das lokale waren in diesem Raum keine kulturellen Gegensätze, sondern sich verbindende und sich gegenseitig voraussetzende Prinzipien.

Obwohl ich wusste, das es sich um ehemalige Munitionskisten handelte, war ich dennoch überrascht, als ich sie wirklich sah, die ehemaligen Munitionskisten, aus der einst verfeindete Soldaten die Kugeln holten, mit denen sie die anderen, den Feind, töten wollten. 60 Jahre ist es her und heute zeugen die Kisten von einem gewandelten Europa. Heute bergen sie die Zündung der Erinnerung, die Eruption der individuellen Geschichte. Das biblische Wort – Schwerter zu Pflugscharen abgewandelt in – Munitionen zu Erinnerungen. Der Krieg in Europa ist zur gemeinsamen Erinnerung geworden, und die Erinnerung birgt ihren eigenen Sprengstoff in sich. Hülle und Enthülltes des Mitgebrachten bilden etwas Neues, eine rätselhafte Wahrheit, die sich von Ost nach West, von Nord nach Süd erstreckt.


An was denken wir
, wenn wir die Kisten sehen?  Mein erster Gedanke war an die Puppenstube meiner Kindheit, eine Stube mit drei Wänden, die fehlende Wand, die Lücke, ließ mich eintreten in die Stube, die ich gestalten, und der ich Bedeutung geben konnte durch die Puppen, Möbel, Farben und Anordnungen. Hier konnte ich mir eine Welt schaffen, die mir gehörte, die mich aber auch definierte.


Dann kam aber schon die zweite Assoziation, die einer kleinen mobilen Bühne – einer Reisebühne, wie  die Reisealtäre vergangener Zeiten, kamen sie mir vor – die Erinnerungskisten. Für die Reise werden sie verpackt und geschlossen, werden wieder zur echten Kiste, am Bestimmungsort – Warschau, Kotke oder London, werden sie ausgepackt, eine Wand wird runtergeklappt, und die Kiste wird zur  Bühne, bereit die Geschichte zu erzählen. Als Zuschauerin in Kassel fühlte ich mich eingeladen, den Geschichten, die auf diesen kleinen Wanderbühnen erzählt werden zu lauschen, sie zu deuten, mich von den Kämpfen und Triumphen der Protagonisten berühren und aufwühlen erschüttern und verzaubern zu lassen. Wie im Theater waren es Autoren / und Bühnenbildner / Dramaturgen, Autorinnen und Bühnenbildnerinnen, die zusammen arbeiteten. Die sich erinnernden Menschen brachten den Stoff des Dramas und die Künstler  und  Künstlerinnen inszenierten die Geschichten. Und in der Tat Antonin Podlipský gab seinem Erinnerungsnarrative den Titel: „Das Leben ist ein süßes Theater“, und zitierte Shakespeare: 

All the world's a stage,

And all the men and women merely players:

They have their exits and their entrances;

And one man in his time plays many parts,



Was sehen wir
, wenn wir diese Wanderbühnen betrachten? Ich möchte mit Ihnen meine eigenen Gedanken beim Besuch dieses Erinnerungstheaters teilen.  Das werde ich in drei Schritten tun. 

  • In einem ersten Teil werde ich einige allgemeine Beobachtungen hervorheben,


  • In einem zweiten häufig wiederkehrende Elemente benennen


  • Und einem dritten einige einzeln Geschichten, Bühnen, stellvertretend für die anderen, näher betrachten



I    Allgemeine Merkmale

Das erste, was mir auffiel war, dass Europas Erinnerung weit über die Grenzen Europas hinausgeht. Sie reicht bis nach Vietnam, China, Afrika.  Hier denke ich an die Kisten aus London, an die der chinesischen Seidenweberin, an die des nigerianischen Bauernsohnes, oder auch die der Vietnamesischen Mahjong Spielerin.  Individuelle Erinnerung, das Partikulare, ist aus seinem räumlichen, lokalen vielleicht auch nationalstaatlichen Zusammenhang herausgerissen, und in einem anderen kulturellen Raum sesshaft geworden und zu einem Teil desselben geworden.  Europäische Erinnerung kann nicht länger auf einen territorial oder national definierten Raum beschränkt werden. 

Das europäische Gedächtnis zeigt sich in dieser Ausstellung als ein globales Gedächtnis, gekennzeichnet von großer Mobilität der Menschen. Auf diesen Bühnen wird von einem ständigen Gehen, Kommen, Bleiben und Weitergehen erzählt. Kaum einer oder eine der Kistenbauer wohnt noch an dem Ort, an dem er oder sie geboren wurden oder aufwuchsen. Mobilität ist ein Merkmal, das fast alle Kisten thematisieren. Entweder freiwillige oder erzwungene, wie im Fall der Kinder aus Kotka, die während des Krieges massenhaft nach Schweden und Dänemark evakuiert wurden. „Fünf Generationen von Vertriebenen in meiner Familie.  Wann hört das auf?“, fragt Anna Magdalena Becker auf ihrer rumänisch / deutschen Bühne. Die Kategorie Mobilität setzt Begriffe wie: Heimat, Nation und Staatszugehörigkeit in Bewegung, definiert sie neu. Bedingt durch Mobilität treten Mehrsprachigkeit, und doppelte oder wechselnde Staatsbürgerschaften hervor.  Politische Diskussionen in Bruxelles oder den nationalen Parlamenten finden ihren konkreten Niederschlag in diesem farbigen, facettenreichen europäischen Geschichtsbuch. Persönliche Geschichten haben die Theorie längst überholt.



II    Wiederkehrende Elemente:

Welche Elemente geben den oben beschriebenen Phänomenen ihre konkrete Form?  Was sehen wir?
 

  •  Wir sehen Zeichen der Trennung: Mauern, die trennen, ein kleines Mädchen steht vor oder hinter, das hängt von unserem eigenen Standpunkt ab, der Mauer die Deutschland und viele Familien von 1961 bis 1989 zerschnitt: wir sehen den Eisernen Vorhang, der Europa zerteilte; wir sehen Stacheldraht, der die einen draußen, die anderen drinnen halten soll. Wer ist Gefangener, wer ist frei? Spuren der Diktaturen weltweit. 
  • Wir sehen Insignien des Reisens, der Flucht und Vertreibung: Koffer, Dokumente, Reisepässe, gefälschte Dokumente.  Wir sehen Symbole des Abschieds und der Ankunft: Landkarten, Schiffe, Häfen und Züge.
  • Wir sehen Spuren des Krieges: eine Armeejacke, Soldatenphotos, Feldpostbriefe, Reste von Zerstörung. Heimat, Nation, Staatszugehörigkeit schwanken, sind fragwürdig geworden.


Die kleinen Wanderbühnen zeigen uns aber auch Inseln des Vertrauens, der Sicherheit und Freude, die gegen die äußere Verunsicherung gesetzt werden.  Wie viel Vergnügen enthalten die kostbaren Stoffe der einst mit Liebe genähten Kleider der polnischen und spanischen Kisten, die Bücher, die gelesen oder vorgelesen wurden, die Werkzeuge des Handwerks, der kleine Webstuhl für die Seide in China; die Utensilien der Arbeit: Papprollen Sperrholz und Bretter, oder die Musikinstrumente: die Klarinette, Geige oder Klavier; Familienphotos – Eltern, Großeltern: die Gestalt der geliebten Mutter in Svetlana Gofsteins Kiste, die aus einem in der Mitte der Bühne schwebenden Perlmutknopf hervortritt; unzerstörte Natur – der Riesenpilz, Wälder und stilles blaues Wasser voller Leben. Diese Inseln kleiner persönlicher Erfolge, oder Momente der Geborgenheit inmitten von Familie, Natur, oder Beruf brauchen weder ein bestimmtes Land, noch eine bestimmte Sprache, sie sind eine Heimat ganz anderer Art, jenseits aller Grenzen. Die Freude am Nähen, zum Beispiel, webt einen Faden zwischen Polen, Spanien und Afrika; die Lust am Theater, der Musik zwischen Finnland, der Tschechischen Republik bis hin nach Vietnam. Sui Lan Voongs letzter Satz des Begleittextes fasst all dies zusammen in dem Satz: „In meinem nächsten Leben möchte ich wieder ein Kind sein, das singt.“.

 


III  Einzelne Geschichten auf der Bühne

Gesondert betrachtet habe ich die Kisten der jüdischen Erzähler und Erzählerinnen, nicht weil ich sie ins Ghetto stecken wollte, sondern weil sie mich an eigene Geschichte erinnerten. Theresienstadt, eins der Schreckenswörter meiner Kindheit, der Todesort meiner Großmutter, wird hier in Zeichnungen der damals 12-jährigen Helga Hosková festgehalten. „Zeichen, was Du siehst“ lese ich und suche unwillkürlich, das Gesicht meiner Großmutter. Oder die Kiste Helen Aronsons aus London, die Ausgrenzung, Verfolgung und Erniedrigung, Überleben und Ankunft in einem neuem Land mit neuer Sprache und dem Ziel erfolgreich zu sein, schnell zu lernen und zu werden wie die anderen, thematisiert.


Das gleiche Thema spricht Rayisa Anbrokh in ihrer Kiste an: Um in Deutschland zu leben braucht man: „Einen Schirm, ein Konto (Sparschwein) und gute Deutschkenntnisse (die Hülle von Popovs Lehrbuch: Deutsch in 13 Tagen!“ Ja es gibt sie, die jüdischen Erinnerungskisten aus Deutschland. Sei reichen zurück in die Sowjet-Union, und gestalten heute jüdisches Leben in Kassel, d. h. sie nehmen nicht den Faden des vertriebenen oder ermordeten Kasseler jüdischen Bürgertums wieder auf, er ist gerissen, aber sie weben einen neuen.  Sie helfen mit, jüdisches Leben in Deutschland wieder wachsen zu lassen.

Obwohl jede Bühne eine Bühne der Erinnerung ist, und Erinnerung immer etwas mit Vergangenheit zu tun hat, wurde mir immer deutlicher, dass die Geschichten nicht in der Vergangenheit blieben, nicht in versiegelten Gefäßen gefangen waren, sondern auf die Gegenwart wirkten, und sie veränderten. Die Straßen Kiews in der Kiste von  Svetlana Gofstein reichen bis nach Kassel, oder der Stadtplan Londons in der Kiste von Helen Aronson, der aufgefächert wie eine Jalousie, je nach dem Blickwinkel des Betrachters, entweder die Straßen Londons abbildet, oder einen durch Stäbe gestörten Blick in das Ghetto von Lodz erlaubt. Lodz lugt nach London hinein, Kiew nach Kassel. Die Menschen mit ihren Erinnerungen prägen die Gegenwart, in der sie leben verwandeln sie durch ihr Dasein, verrücken die Grenzen des Nationalstaates. Durch das, was war, entsteht etwas Neues, ganz Anderes. Erinnerungen, die in die Zukunft weisen. So muss es Galina Nikolajevna Usanova gemeint haben. Auf ihrer Bühne ist der Narr, diese vielleicht älteste Figur des Theaters, die aussprechen darf, was andere verschweigen müssen, die zentrale Figur,  in seiner Hand spiegeln sich Vergangenheit und Zukunft.

 

 

IV   Eine ganz  persönliche Erfahrung

Erlauben sie mir zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung. Zu einigen Kisten habe ich eine besondere Affinität, bei manchen war es der Inhalt, bei anderen die Ästhetik, die mich faszinierten, wie die von Alex Schweizer gestaltete, die von Dimitri  Kats oder die Schmetterlinge, Seidenraupen, der kleine Webstuhl auf der Erinnerungsbühne von Choi Wah Liu.

Die Kiste des Kassler Schuhmachers, Karl Wills, fiel nicht besonders durch künstlerische Gestaltung auf, „Schau ich mir auch diese an“ mit dieser Einstellung stand ich vor ihr, und plötzlich wollte ich in sie hineinkriechen, mich hinsetzen auf die kleine Bühne und dem Schuster beim Besohlen zuschauen.  Ja der Erzähler dieser Kiste hatte kleine Lederstücke in seine Schusterwerkstatt gelegt  und der Geruch des Leders löste in mir die berühmte Proustsche „mémoire involontaire“ aus. Meine Kindheit und mein Vater, der Lederhändler, der auch meine Schuhe besohlte, kam mir aus dieser Kiste entgegen. Ich war beglückt und verwandelte mich vor dieser Bühne in das Kind das ich einst war. Mein Körper hatte eine Erinnerung bewahrt, die mein Gedächtnis dem Vergessen überlassen hatte. Vielleicht ist es anderen Betrachtern bei anderen Kisten ähnlich gegangen, die Geschichten, Gegenstände, Gerüche, Geräusche lösen eigene Erinnerungen bei den Betrachtern aus, rufen uns zu, uns die eigene Geschichte zu erzählen, uns auf die Reise in die Vergangenheit zu begeben, damit wir ankommen können am Bahnhof der Zukunft.


Wie auf den  Bühnen des Theaters erzählen die Kisten Geschichten von menschlichem Versagen, von erfahrenem Leid, von geglückten Momenten der Liebe und Zuversicht. Sie laden ein zum Zuhören und zum Aufrollen der  eigenen Geschichte.


Weil  vielfach die Orte und die Menschen, von denen hier erzählt wird verschwunden sind, brauchen wir die kleinen Wanderbühnen um die Menschen und Orte dem Vergessen zu entreißen und dem europäischen Gedächtnis einzuschreiben.


 

Eva Schulz-Jander  Berlin, 21. Juni 2005